Wie hatte er nur so unaufmerksam sein können? Er könnte sich Ohrfeigen.
Aber er musste rennen, rennen.
Eddie taumelte und schaffte es im letzten Moment, auf den Füßen zu bleiben, kurz bevor er nach rechts hingefallen wäre. Er durfte nicht fallen, musste rennen, entkommen.
Er hatte es doch geschmeckt.
Wie Spinnenweben umgarnte Müdigkeit sein Hirn, vernebelte seinen Blick. Ein Schwindel, der ihn an sein erstes Glas Cider erinnerte, zerrte an ihm, steuerte seine Beine fehl.
Es war Nacht und er lief vom Haus weg, durch hüfthohe Büsche und feuchtes, rutschiges Gras.
Seine Verfolger waren abgeschlagen, er hörte ihre Rufe nur noch aus weiter Ferne.
„Wo ist er?“
„Ich höre etwas, hier entlang!“
„Komm her, du Mistkerl!“
„Wir kriegen dich, gib auf!“
Lynn war noch im Haus, er musste etwas tun. Seine Gedanken irrten durch den Nebel, wie er durch die Dunkelheit irrte, schnell, aber ziellos. Was konnte er schon machen, er konnte nicht einmal klar denken. Er rauschte durch die Landschaft, wie von Vogelflügeln getragen, immer in eine Richtung, von einem Gedanken beschwingt.
Weg von ihnen.
Vor ihm tauchte das Glitzern eines Sees auf, der das Mondlicht reflektierte. Eddie bemerkte es zu spät, fiel bäuchlings hinein.
Das kalte Wasser erfrischte ihn. Sofort wusste er, was er als Erstes tun musste.
Er stieß den linken Zeigefinger in seinen Hals und der heiße Tee, zusammen mit dem reichhaltigen Abendessen, schoss hervor.
Das Gefühl war ekelerregend, Gänseklein und Kartoffelstückchen, kaum verdaut, brachen aus seinem Magen hervor.
Weiter, er durfte nicht aufhören und erbrach sich weiter, bis nur noch leere Würgelaute aus ihm hervorbrachen. Seine Speiseröhre brannte, als wolle sich sein Magen auf die Weise für den Kraftakt revanchieren, den er ihm zumuten musste.
Er musste.
Der Tee.
Eddie stapfte durch das Wasser, das ihm bis zu den Knien ging, bis er sicher war, dass es wieder klar war und fing an zu trinken. Er trank und trank, bis der faulige Geschmack aus seinem Mund gespült war.
Dann trank er weiter, spritzte sich das kalte Wasser in das Gesicht, wollte die Müdigkeit hinfort waschen.
Langsam und widerwillig kehrte die Klarheit in seinen Kopf zurück. Eddie ging zum Ufer und versteckte sich in den Seerosen und den Gewächsen, die das Ufer von der Umgebung abschirmten.
Dichter Schilf verbarg ihn.
Er war zur Bewegungslosigkeit erstarrt, er durfte nicht rascheln, das Wasser nicht aufwühlen. Das Platschen, als er ins Wasser gefallen war, und natürlich das Würgen, hatten schon genug Lärm gemacht.
Sie konnten immer noch hinter ihm her sein, auch wenn er sie nicht hören konnte. Sie hatten ihn bestimmt gehört.
Er meditierte, um wieder zur Ruhe zu kommen und seine Gedanken zu ordnen, streckte seine Fühler nach ihnen aus, fand sie aber nicht in seiner Nähe.
Lynn war noch bei ihnen, aber sie konnten ihr nichts tun, oder?
Nein, sie würden warten müssen, bis sie das Schlafmittel aus ihrem Körper geschwitzt hatte.
Waren sie überlistet worden? Ja!
Hätten sie es wissen können?
Eddie wusste nicht, was schlimmer war, dass die Leute, die ihnen Obdach und Nahrung angeboten hatten, Menschenfresser waren oder dass die Mortiers nichts, aber auch gar nichts, dabei empfanden.
Eddie hatte nur gelinde Freude gespürt, keine Hinterlist, keinen Hass oder Gier.
Sie hätten es gespürt, spüren müssen, denn Niedertracht umwehte Menschen wie ein schlechtes Parfüm und Magici konnten diesen Dunst riechen.
Es roch wie der Güllegeruch, der einen Bauern während der Saatzeit umwehte und in jeden Falte seines Körpers, jede Hautschuppe und jedes Haar eindrang. Man konnte diesen Gestank überdecken, man konnte sich mit der besten Seife waschen, doch man wurde ihn niemals ganz los.

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