Der Spinner

„Spinner“, oder auch „alter Spinner“, hatten sie gesagt, die meisten. „Verschwörungstheoretiker“ manche anderen.
Nun war alles wahr geworden, alles, was er befürchtet hatte.
Die Finger hatte er sich wund geschrieben, in Foren, Beiträgen, hatte Podcasts und Videos ins World Wide Web gestellt. Hatte sie entblößt.
Aber niemand hatte zugehört.
„Ach, Vater, dieses Jahr klappt es nicht.“
„Die Kinder, du verstehst?“
„Sorry, du weißt schon…
Nicht einmal sein eigener Sohn hatte ihm geglaubt, geglaubt, dass die Welt am Abgrund stand. Stand, sie stand vor Jahren am Abgrund, heute fiel sie darüber, rutschte in die Leere, in diesem Moment.
Er saß auf seinem Lieblingssessel und blickte durch das große Panoramafenster auf die Straßen von London, sah hier und dort laufenden Menschen, den blassen Schein von Flammen, ein paar Straßen weiter, hörte die Bomben.
Den Fernseher hatte er schon vor einigen Minuten ausgeschaltet, Panzer seien in der City unterwegs, Notstand, Gewaltausbrüche.
Er lächelte bitter.
Selbst wenn die Welt unterging, es fanden sich immer noch genug Idioten, die die Chance zum Plündern nutzen.
Ein neuerlicher Husten durchfuhr ihn, schüttelte seinen dürren Körper durch. Er spuckte Blut in den dafür bereit stehenden kleinen Topf. Metastasen in der Lunge, in der Leber, Metastasen überall.
Dennoch, er hatte eine höhere Lebenserwartung, als es die Welt noch hatte. Vor Minuten waren die ersten Atombomben über Peking und Moskau detoniert, der Auslandskorrespondent in Teheran war auch nicht mehr zu erreichen.
Er seufzte tief, hörte ein Rascheln in seiner Brust, spürte einen Stich. Eine Atombombe blieb selten allein, die Antwort würde bald kommen.
Vorwürfe konnte er sich nicht machen, die letzten zwei Jahre lang hatte er gewarnt, gewarnt vor dieser Sekte. Die waren die Spinner, echte Spinner, Verrückte, Größenwahnsinnig.
Es war zu spät.
Heulende Sirenen erklangen, er griff nach dem Worte Gottes, seinem einzigen Trost.
Er blätterte ziellos in der Bibel, blieb bei der Offenbarung stehen, las ein paar Zeilen. Nein, die Apokalypse geschah jetzt, auf den Straßen, er würde etwas Erbaulicheres lesen, er blätterte weiter.
Die Bergpredigt.
Ja, ein schöner, ein letzter Lichtblick. Vor dem Ende aller Dinge.

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