Die Box

Ich habe die kleine, hölzerne Box, mein Fundstück, in meiner linken Hand. Sie ist etwas schwerer als sie aussieht, aber nicht zu schwer. Handlich ist sie, etwas größer als ein Buch, sie stört mich nicht beim Rennen. Das ist gut, denn ich muss rennen, rennen, ich werde verfolgt.

Wo ich die Box gefunden habe? Weiß ich nicht mehr genau. Wer mich verfolgt? Kann ich nicht sagen.
Warum werde ich verfolgt? Entzieht sich meiner Kenntnis, aber es hat ganz sicher mit dem Fundstück zu tun.
Außer Atem bin ich nicht, ich bin noch immer gut in Form. Meine Stiefel schlagen regelmäßig auf dem harten, schlierenübersäten Betonboden auf. Hinter mir die Rufe: „Da ist er, fasst ihn.
Und sie rufen: „Verräter!“
Ich drehe den Kopf nach ihnen um, kann sie aber nicht sehen, sie sind weit hinter mir, ihre Stimmen werden durch die Gänge des Bunkers verstärkt, hallen geisterhaft um mich herum, ein Echo folgt dem Echo.
Ihre Rufe schmerzen mich, ich bin kein Verräter, das weiß ich sicher. Doch ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken, ich muss rennen, meine Box endlich in Sicherheit bringen.
Der Gang ist monoton aus grauem Waschbeton, alle fünf Meter kreuzt ihn ein identischer Gang, halb kaputte Leuchtröhren flackern unter dünnem Drahtgeflecht an der Decke.
Das Licht wird zusehends schlechter, das Flackern immer häufiger, beinahe hypnotisch wirkt es auf mich, einschläfernd. Doch ich muss weiter, es ist die richtige Richtung, das weiß ich, hier kommt bald ein Ausweg. Der Notausgang stürzt in mein Sichtfeld, ist blutrot beleuchtete und rast auf mich zu. Ich öffne die schwere Tür stolpernd und falle beinahe hin. Ich lande mit meinen Stiefeln im Matsch, der durchgeweicht ist von tagelangem Regen, der auch weiterhin unbarmherzig vom eisernen Himmel fällt.
Ich kenne diese Gegend, es ist Frankreich, die Hölle auf Erden.
In den Wäldern hier war ich einst Meldegänger gewesen, im Blut zum Manne getauft, wie man prosaisch zu sagen pflegt. In Wirklichkeit war es ein widerwärtiger Überlebenskampf. Ohne Würde, nur mit nackter Angst und unglaublicher, unmenschlicher Gewalt. Wir sind damals keine Menschen gewesen, keiner von uns. Wir waren Wölfe und Lämmer in einem, in diesen begehbaren Fleischwolf geschmissen von machtversessenen Generälen, ahnungslosen Kaisern und bestechlichen Politikern. Ein Glück für jeden, der diese Schlachtbank überlebt hatte, ein unermesslicher Segen für den, der nie das weiße im Auge eines Gegners sehen musste. Für mich gilt nur das erste, ich habe das Weiß zu oft gesehen, Augen randvoll mit Angst vor dem Tod und voller Entschlossenheit zu Überleben. Ich habe sie alle überlebt.
Das Waldstück, welches ich damals hunderte Male durchquert hatte, sieht noch genauso aus wie damals. Gemischte Bäume, dichtes Blattwerk, wenige Büsche am Boden. Es muss gerade die Zeit vor dem Sonnenuntergang sein, ich erkenne gerade genug, um mich orientieren zu können. Meine Verfolger kennen sich offenbar auch hier aus, sie sind weiter auf meinen Fersen. Eine Zeit lang kommt es mir vor, als laufe ich im Kreis. „Hier entlang, Männer!“, höre ich einen brüllen. Meine Orientierung verschwindet, fließt weg im dichten, kalten Regen, der ohne Gnade vom immer dunkler werdenden Himmel fällt. Plötzlich stürze ich wirklich, als sich vor mir die Erde öffnet.
Ich lande auf beiden Knien im Matsch eines Schützengrabens.
Blitze, Donner, Feuer von ungezählten Waffen erhellen die Nacht, Schreie von ungezählten Kehlen gellen durch die Dunkelheit.
Ich sehe niemanden, rieche nur den sauren Angstschweiß, den stickigen Pulverdampf und die trockene Scheiße der armen Teufel hier, von denen ich auch einer war, vor all den Jahren, im großen Krieg. Mein Blick wird trübe, ich schüttele meinen verwirrten Kopf.
Die Eindrücke verschwinden, es müssen die Geister meiner Vergangenheit sein, die Geister von so vielen guten und schlechten Männern. Wir alle wollten nur, dass es aufhört, endlich aufhört. Als es aufgehört hatte, trachteten wir Deutsche nach Rache. Rache haben wir letztendlich bekommen und sie erwartet auch uns. Mein eigener klebriger Schweiß steigt mir in die Nase, er brennt, ist säuerlich. Kurz wundere ich mich, dass die unseligen Schützengräben von damals noch existieren, dass niemand diese scheußlichen Erinnerungen zugeschüttet hat, doch dafür ist keine Zeit, ich muss weiter, weiter rennen.
Der zähe Matsch fliegt unter meinen schweren Stiefeln in alle Richtungen hinweg, beschmutzt meine feldgraue Uniform. Meine Abzeichen klappern und klingeln mit jedem Schritt, den ich weiter vom Bunker fortlaufe. „Granaaaateee!”, höre ich ein gellendes Schreien und gehe automatisch in Deckung. Ein trockener Knall ertönt und feiner Schutt ergießt sich über mich, aber keine Verletzung. Weiter.
Die Verfolger kommen näher, ich höre sie, kann sie vor meinem inneren Auge sehen, schwarze Uniformen, blutrote Armbinden, Totenköpfe auf den Krägen. Auf meinem Kragen prangt das Eichenlaub. Was steht eher für mein Vaterland, die stolze Eiche oder der grinsende Totenschädel? Das wird die Zukunft entscheiden.
Ich weiß wieder, warum ich fliehe, warum sie mich verfolgen.
Ich wollte ihn töten.
Wegen dem, was er getan hat.
Wegen dem, was er noch tun will.
Vor allem aber wegen dem, was er mich hat tuen lassen. Das werde ich ihm niemals verzeihen.
Das werde ich mir niemals verzeihen.
Ein lauter Knall und eine Explosion kommen von links, ein Artillerieeinschlag. In ganz Frankreich gibt es keine Artillerie mehr, die nicht unter deutschem Kommando ist, sie wollen mich treffen, ganz sicher.
Ich renne weiter, ich muss entkommen.
Ein weiterer Einschlag einige Meter vor mir holt mich von den Füßen, schlägt mir mit breiter Faust auf den Brustkorb und wirft mich einige Meter den engen Graben zurück. Instinktiv drücke ich das Kästchen an meine Brust. Es darf nicht verloren gehen, ich glaube, es ist mir bereits einmal abhandengekommen und nur durch Glück habe ich es wieder gefunden.
„Weiter, weiter!“, höre ich einen Verfolger brüllen.
Sie wollen das Fundstück und sie wollen mich.
Ich springe zurück auf meine Füße, ich sinke eine Handbreit in den allgegenwärtigen Matsch ein. Wieder laufen, laufen.
Der Anführer, er ist Obersturmbannführer und heißt Müller, blitzt es in meiner Erinnerung auf, sein Bürokratengesicht erscheint vor meinem inneren Auge. Er mordet bürokratisch, hat aber auch Freude an seiner Arbeit, das weiß ich. Woher? Das weiß ich nicht.
Endlich sehe ich das Ende des Grabens, ich bin erleichtert. Dies war eine der schlimmsten Zeiten in meinem Leben, in jedermanns Leben, der Spielplatz des leibhaftigen Teufels.
Er war auch hier irgendwo gewesen, auch Meldegänger, wie ich. Mir ist der bayrische Gefreite damals nicht begegnet, glaube ich. Oft überlegte ich, ob er mir doch begegnet ist, vielleicht als Rücken in der Menge, als Arm im Gewühl, aber auf jeden Fall nie als zugewandtes Gesicht.
Was hätte das auch geändert? Nichts und wieder nichts.
Wenn ich damals schon gewusst hätte, was ich heute weiß? Verdammt, ich weiß es doch erst seit wenigen Monaten. Russland.
1938 haben sie mir meine Uniform wieder gegeben, die mir im Jahr der Niederlage weggenommen wurde. Ich war Stolz, zerfressen von Stolz und Ehrgeiz. Den großen Krieg hatte ich als Obergefreiter beendet, jetzt war ich Oberleutnant. Ich erinnere mich daran, dass ich weit, weit hinaus wollte.
Man musste oft schweigen, zustimmen, mitmachen, wenn man das wollte. „Da ist der Kerl!“, ruft Müller laut.
Schüsse erschallen, aber sie verfehlen mich, ich bin zu schnell für sie, die Angst trägt mich wie auf Vogelschwingen.
Der Wald verändert sich, wird kahler, struppiger. Zum Glück wird auch der Regen weniger und es beginnt heller zu werden. Es ist Morgengrauen, nicht Abenddämmerung, wie ich gedacht hatte.
Kalter Wind pfeift mir entgegen, aber ich laufe so schnell, er kann mich nicht aufhalten, niemand kann das. Nicht, solange ich mein Fundstück noch habe und ich werde es mir von der gottverdammten SS auch nicht nehmen lassen. Nicht mehr. Nie mehr!
Der Regen ist vollends versiegt, dafür sehe ich hauchzarte Schneeflocken in der klaren Luft tanzen. Es werden zusehends mehr, je weiter ich laufe.
Plötzlich erkenne ich die Gegend. Nein.
Das kann nicht sein.
Unmöglich.
Es ist diese Schlucht in Russland, diese Schlucht.
Hier geht es nicht weiter, ich muss an der steilen Felskluft entlang laufen. Es kostet mich keine Sekunde zu sehen, zu welcher Stelle mich das führen wird. Die Stelle, an der ich die Frauen erschossen habe.
„Dreckige Judenweiber“ hatte der Waffen-SS-Mann zu ihnen gesagt. Das mochte auch stimmen, doch es waren nichtsdestotrotz Frauen und ich war Soldat, dem Kriegsrecht verpflichtet.
Mein ganzer Körper zittert, ich kann nur noch schwerlich laufen, ich taumele. Ich muss in die verdammte, kahle Schlucht hinab blicken, kann meinen Augen nichts anderes befehlen. Sie haben ihren eigenen Willen.
Dort liegen sie noch immer, 14 Frauen, manche schwanger, allesamt per Kopfschuss getötet. Meine Beine knicken ein, ich falle hin und weine, heule wie ein kleines Kind. Das war mein erstes Kriegsverbrechen gewesen, aber nicht mein letztes. Großer Gott, beileibe nicht mein letztes!
Auf den Knien, bibbernd, mit tränenschweren Augenlidern, sehe ich eine kleine Höhle, die mir im Vorbeirennen bestimmt nicht aufgefallen wäre. Langsam, zitternd, krieche ich hinein und weine still.
Meine Verfolger kommen erst einige Minuten später hier an und laufen an der Höhle vorbei, ich bin erst einmal sicher vor ihnen.
Vor meiner Vergangenheit, jedoch, kann ich mich nirgends verstecken, sie findet mich überall.
Warum habe ich das mitgemacht?
Meine Tränen versiegen, ich suche in meiner Hosentasche nach einem Taschentuch. Es überrascht mich kaum, dass es eine kleine Hakenkreuzfahne ist, trockne meine rauen, zerfurchten Wangen damit. Dass dieses Symbol Tränen trocknet, statt sie zu vergießen, ist neu.
Es waren Befehle, darum habe ich mitgemacht, aber das ist nur die halbe Wahrheit, die Hälfte, die mich nachts schlafen lässt. Zu jeder Zeit hätte ich nein sagen können, aber dann wäre auch meine Karriere fort gewesen, meine verdammte Karriere.
Mein Fundstück fühlt sich plötzlich schwer an in meiner Hand.
Es fällt mir auch wieder ein, was es ist.
Wie konnte ich das jemals vergessen? Eine Bombe, klein, handlich und tödlich.
Ihn wollte ich damit töten, ihn, der mich zu dem gemacht hat, der ich war, zu einem Mörder, zu einem Monster. Und ich wollte mich töten, meinem räudigen Leben endlich ein sinnvolles Ende machen.
Plötzlich fällt mir noch viel mehr ein, dass ich Komplizen habe, dass es einen Plan gibt, dass es Hoffnung gibt, Hoffnung für mein Vaterland, für den Frieden. Ich schaue auf die Box hinab, meine Hände zittern unkontrolliert, als mir die simple Wahrheit offenbar wird: Ich habe versagt und muss meine Komplizen schützen.
Es gibt noch immer Hoffnung, jemand wird zu Ende bringen, was ich angefangen habe.
Die Kiste, mein Fundstück geht auf, ohne dass ich etwas gemacht habe.
Es strahlt und leuchtet, mein Kinn fällt vor Staunen hinab, meine Augen füllen sich mit heißen Tränen des Glücks und der Freude.
Wunderschön!
Es ist der Ehering, den ich meiner über alles geliebten Marie an die wunderschöne Hand gesteckt habe, bevor ich damals nach Frankreich gehen musste.
Es ist ein eisernes Kreuz erster Klasse, das Symbol der Tapferkeit, das ich nie verliehen bekommen habe.
Es ist die Bombe, die Adolf Hitler hätte töten sollen. Es leuchtet golden.
Es ist für mich, es gehört mir.
Ich fasse es vorsichtig, ehrfürchtig an, es verschwindet in strahlendem Glanz. Jetzt glänzt meine Hand. Ein wohlig warmer Schimmer pulsiert auf meiner Haut, breitet sich aus, wärmt meinen ganzen geschundenen Körper, mein ganzes Selbst, meine verlorene Seele. Ich verlor meine Menschlichkeit in Frankreich und wurde zur Bestie in Russland.
Nun, endlich, nach all dem, habe ich habe meine Ehre wieder gefunden. Vor dem Höhleneingang höre ich schwere Schritte. Sie sind da.
„Jetzt haben wir ihn!“, sagt Müller triumphierend.
Es ist mir egal, ich habe meine Ehre wieder, niemand kann sie mir je wieder nehmen.
„Er wacht auf!“, sagt der SS-Mann sachlich.

Ich wache in einer kleinen Lache Blut auf, den Kopf auf einem hölzernen Tisch liegend, die Hände hinter dem Rücken in Handschellen gefasst.
Meine Stirn pocht, der Ursprung des Blutes muss sich irgendwo oberhalb meiner linken Augenbraue befinden. Vor mir steht Obersturmbannführer Müller mit einem kleinen Hämmerchen in der rechten Hand.
Der Verhörraum ist nicht einmal zwei mal zwei Meter groß und besteht aus grauem, schlierigen Waschbeton. Die Leuchte, die an der Decke hängt und von einem Drahtkäfig geschützt wird, flackert leicht. Müller hat seine Freude an mir, das sehe ich in seinen grünen, kleinen Äuglein.
„So, Herr Oberleutnant, sie haben meine Frage nicht beantwortet. Ich hoffe, das Schläfchen hat ihrer Erinnerung auf die Sprünge geholfen. Wer waren ihre Verbindungsleute?“
Ich setze mich gerade hin, mein Blickfeld wird Rot durch das Blut.
„Wie schon gesagt, ich bin alleine.“, sage ich. Die Selbstsicherheit in meiner Stimme überrascht mich einen Moment, dann erinnere ich mich wieder. Vor ein paar Minuten hat Müller mich zwar bewusstlos geschlagen, aber ich habe meine Ehre wieder.
Müller schaut mich eine gefühlte Ewigkeit unsicher aber interessiert an.
Seine Ehre heißt Treue, meine Ehre heißt Untreue, Untreue gegenüber diesen Barbaren.
Er schüttelt den Kopf: „Das wird ihnen mehr wehtun, als mir. Es tut mir Leid, dass es soweit kommen muss.“
Seine Augen sprechen eine andere Sprache, sie freuen sich.
„Wissen sie, es gibt kaum etwas Schmerzhafteres, als wenn sich jemand an ihren Fingernägeln vergeht.“, säuselt er, beugt sich allzu sorglos hervor und löst meine Handschellen, die Linke schließt er an der Rückenlehne des Stuhls wieder fest.
Es ist ein kurzer Moment, aber mehr, als ich brauche.
Meine Rechte schnellt zu seinem Pistolenholster und greift sich die Waffe des SS-Mannes.
„Ah, ein bisschen aufmüpfig.“, sagt er mit gespielter Ruhe. Doch ich spüre seine Angst. Die kleinen, giftgrünen Augen hängen an dem kalten Lauf der Luger, gehen jeden Millimeter mit, den ich sie schwenke.
„Sie sind der Zuständige für diese Ermittlungen?“, frage ich kalt. „Ja, der bin…“
Ich lasse ihn nicht ausreden. Zwei kleine, rote Krater öffnen sich an der Brust seiner pechschwarzen Uniform, noch bevor ich die Schussgeräusche wahrnehme, das Glühen in seinen bösen Augen erstirbt sofort. Er rutscht stöhnend am Verhörtisch herunter, ist mir endlich aus den Augen.
Ich hoffe so, dass dies meine Freunde eine Weile in Sicherheit bringt.
Von draußen höre ich Geschreie, bald wird jemand kommen. Langsam drehe ich die Waffe, sehe sie mir im flackernden Neonlicht ganz genau an.
Ich habe meine Ehre wieder.
Im ersten großen Krieg wurden wir alle wie Vieh behandelt.
Im zweiten Krieg war ich selber zur Bestie geworden, aus Eitelkeit und falscher Liebe zur Heimat.
Das ist jetzt alles vorbei, ich habe alles getan, was ich konnte und bin gescheitert. Es bleibt mir nur noch meine Ehre und das ist mehr, als ich verdient habe.
Ich hebe die Luger an meine rechte Schläfe.

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